Dorothea Buck, geb. 1917, ist Bildhauerin und Autorin. Von 1969 bis 1982 war sie als Lehrerin für Kunst und Werken an der Hamburger Fachschule für Sozialpädagogik tätig.
Unter dem Anagram von "Schizophrenie" verfasste sie als Sophie Zerchin das Buch "Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung", in dem sie ihre eigenen Erfahrungen mit Psychosen verarbeitet. Darüber hinaus verfasste sie Beiträge in Fachbüchern und Zeitschriften. Dorothea Buck ist Gründungs- und Vorstandsmitglied im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.
Psychoseseminar
Psychose-Seminare aus der Sicht einer Psychose-Erfahrenen
Dem Erfahrungs-Austausch zwischen uns Schizophrenie-, Manie- und Depressions-Erfahrenen, den Angehörigen, den Fachleuten und Studentinnen würde ein wichtiger Aspekt fehlen, wenn er nur aus professioneller Sicht dargestellt werden würde. Zum gleichberechtigten Trialog gehört immer auch die Sicht von uns Psychoseerfahrenen und der Angehörigen.
Das lateinische Wort "Seminar" heißt auf deutsch "Pflanzstätte" von semen = Samen. Dieses Bild trifft in besonderer Weise auf die am Psychose-Seminar beteiligten drei, oder - wo BürgerhelferInnen besonders in Süddeutschland an ihnen teilnehmen -, auf diese vier Gruppen zu.
Die Fachleute bieten in der Regel die "Stätte", die Räume, in den Universitäten (Berlin-Ost, Berlin-West, Hamburg, Mannheim, München, Tübingen, Ulm), oder in den Hochschulen, Volkshochschulen, Gemeindehäusern, Sozialpsychiatrischen Kontaktstellen und Krankenkassen an.
Die ModeratorInnen betätigen sich in diesem Bild vielleicht am ehesten als ökologische GärtnerInnen. Denn es gibt im Psychose-Seminar keine auszumerzenden Unkräuter, sondern nur anerkannte Wildkräuter, Erlebnisse, die besonders von Psychoseerfahrenen kommen.
Die Angehörigen stehen mehr für das nährende Gemüse. Wenn sie auch zuweilen ihre Not mit den Wildkräutern haben, so akzeptieren sich doch alle Gruppen mit Achtung und Respekt.
Dieser farbige und in den besten Seminarzeiten vielfältig blühende Garten auf dem Boden der Psychiatrie ist etwas absolut Neues. Denn in der Regel gilt in den Psychiatrien nur die schnurgerade NORM, die allen Wildwuchs rigoros - auch gegen den Willen der Betroffenen - beschneidet.
Die Phantasie, die nicht auf dem Boden der geltenden Wirklichkeit grünt und blüht, wird nur allzu oft mit der Unkrautvernichtungs-Spritze ausgerottet.
Ich erlebte noch während der NS-Psychiatrie, dass wir alle unter die psychiatrischen Ausrottungsmaßnahmen der Zwangssterilisationen oder der "Euthanasie"-Morde fielen. Vergast, vergiftet oder zu Tode gehungert, und jahrzehntelang - im Grunde bis heute - verdrängt und vergessen.
Denn nicht der Mensch und sein Erleben galt und wurde gefragt, sondern einzig und allein die psychiatrische Lehre der nicht seelisch, sondern körperlich und erblich verursachten und daher "unheilbaren", sinnlosen, endogenen Psychosen.
Nach so rigoroser psychiatrischer Vernichtung der Geschicke und Leben der Betroffenen brauchen wir eine menschlichere und verständigere Psychiatrie, die auf den Erfahrungen des Einzelnen gründet.
Dieses notwendige bessere Verständnis der Psychosen und der von ihnen Betroffenen Menschen werden nur wir Psychose- und Depressions-Erfahrenen selbst vermitteln können. Denn jeder von uns .- auch die Profis und Angehörigen - kennen nur das wirklich, was wir selbst erlebt haben. Aus dieser Einsicht entstand unser Trialog. Hier begegnen sich die Menschen und ihre Erfahrungen der drei oder vier Gruppen.
Dorothea Buck